Andreas Moersener - Städtische Galerie Lippstadt 2011 Auszug:

ornamental - Hugo Boguslawski


Hugo Boguslawski hat zunächst parallel zum Kunststudium an der Kunstakademie Münster an der Westfälischen Wilhelms Universität Biologie studiert und ist infolgedessen heute in seiner freien Zeit mit der Suche nach Fossilien beschäftigt. Erklärlich, dass ihn als Maler der Blick in die Landschaft, in die belebte Natur, in Flora und Fauna oder in ihre zu findenden steinernen paläontologischen, geologischen Zeugnisse antreibt.

Das Erfahren, Erwandern, Ermessen und das unermüdliche, beharrliche lange visuelle Abtasten der Topographie mit den Augen, den mithin neben den Händen wichtigsten Werkzeugen des Malers, ist kontinuierliche Einübung. Ein untrügliches Gespür für feinste Farbnuancen und Formabweichungen, ein oszillierendes, zwischen Mikro- und Makrostruktur der Landschaft pendelndes Suchen des Malerblickes und ein sicheres, außerordentliches Wissen um Aufbau, Zusammenhalt, Wachstum und Komplexität der aus kleinteiligen Partikeln und Zellen der in der Natur wahrgenommenen Strukturen, legen hier ein rein malerisch konzeptuelles Gerüst zu Grunde.

Kennzeichnend ist ein großes Interesse an kleinteiligen Strukturen, die in größere Gesamtzusammenhänge eingebunden sind. So finden sich in frühen Bildern von 2003 Bildnisköpfe, auf denen die Porträtierten in Ansicht von hinten mit Blick auf kurvendes und mäanderndes Haar-Lineament dargestellt sind. Auffällig ist hier, dass der Blick sich nicht in einem Format füllenden All-Over wie im Dickicht verfängt, sondern ebenso im Randbereich der Gemälde in das atmosphärisch tiefenräumliche Blau des Hintergrundes gesogen wird. Der Blick des Malers vereint Nah- und Fernsicht, entsprechendem dem Blick für das Detail und das große Ganze.
Hierbei hilft das Lineament der Haare der Malfläche Bewegung und vermeintliche Räumlichkeit einzuschreiben. In der folgenden Serie der Sukkulenten ab 2004 wird der Spagat von Fläche zu Raum mit Hilfe der Kakteenstacheln als allgerichtetes Lineament deutlich. Eine in der Komposition zu Grunde gelegte Kugelform krümmt die imaginäre Bildfläche hin zur Allgerichtetheit, was durch die durch Stacheln eingezeichneten Richtungen noch verstärkt wird. Der malerische Bildraum wird durch die gleichzeitige Allgerichtetheit zum hierarchielosen, dezentralen Kompositionsraum. Die kostbare malerische Struktur ist überall wie ein fossiler Fund im Bildganzen entdeckbar.

In den folgenden Serien ab 2006, die Blattmotive zeigen, wird dies wiederum noch klarer. Ein vormals gegenständliches Motiv überzieht in massierter Repetition den gesamten Bildraum in der Fläche, aber auch in die Tiefe, wie z.B. in der Serie der Ginkoblätter. Das Staffeln, Verkleinern oder Verhellen und Verdunkeln zum nur vorgestellten Bildhorizont hin erzeugt Bildtiefenraum. Ferne und Nähe, Detail und Ensemble bilden eine verflochtene Einheit, die Fläche und Raum oszillierend zusammenrücken lassen. Figur und Hintergrund, Motiv und Kontext und somit Mikro- und Makrostruktur werden als gleichwertig aufgefasst. Ein Ginkoblatt grenzt an und überlagert das nächste und so weiter und sofort und es ist nicht mehr auszumachen, ob die von der Wirklichkeits- Erfahrung abgezogene, d.h. abstrahierte, ornamentale All-over Struktur in repetitiver Reihung oder das gewählte gegenständliche Motiv das primäre Bildgerüst darstellt, da sie einander bedingen. Das Ornamentale wird hier zum hierarchielosen Kompositionsprinzip und entkommt dem Dilemma Abstraktion - Figuration oder Primat der Form versus Primat des Inhalts auf drittem Weg. Neueste Bilder, etwa orbis cineris, legen den egalisierende Blick aus einer diagonalen Luftperspektive als nivellierende Maßnahme zu Grunde. Im Gegensatz zum Apotheker von Ampurias Salvador Dalis, der nach absolut nichts sucht, entdeckt Hugo Boguslawski aus diesem Blickwinkel einen gesamten und aufs Eindrückliche höchst malerischen Kosmos.