Manfred Schneckenburger

Malerisch reich und aufs Haar genau (2002)

Am Anfang stehen die Bilder unter Wasser. Spiralen und Wellen füllen gischtig das Format. Später gewinnt die Wasserwelt an Raum, Tiefe, Dichte, an subtilen Schatten und Reflexen - ein kleinteilig wimmelndes, mikrobisches Leben, das sich nach oben hin ins Lichte, Leichte aufhellt. Dabei nähert der Maler Hugo Boguslawski sich zeitweise gefährlich dem Fleckengewirk seines Lehrers Hermann-Josef Kuhna, aber er überwindet das Problem, indem er den wuselnden Vitalismus des Lehrers strukturiert und die submarinen Strömungen bewegt durchmustert. Vor unseren Augen stehen Korallenbänke, Seeanemonen, Algengärten. Dabei führen derart anschauliche Hinweise keineswegs in schiere Subjektivität, denn Boguslawski bewahrt, auch im Abstraktesten einen mimetischen Kern. Was immer im Verbund expansiver chromatischer Einzeller aufgeht - es bleibt dem Wasser und seiner Flora assoziiert.

Dann öffnet er sich auch Phantasien. Erotische Motive dringen ein, zunächst noch wie Verwirrspiele der Wogen, doch spätestens nach dem Jahr 2000 hat er seine persönliche Sicht erreicht: eine extreme Nahsicht, die Motive so dicht heran rückt, dass Bildfeld und Blickfeld zusammenfallen. Die Aquariumssphäre tritt zurück, doch erinnert ein Bild wie Engelsscham (2001) nicht zugleich an Venus, die stämmig dem Meer entsteigt? Der Torso ihres Unterleibes - ein pelziges Flamboyant, ein Kräuseln und Kringeln, in dem die Schaumgeborene im blonden Gold mit der haargeschützten Maria Ägyptica verschmilzt? Ob der Künstler einen solchen ikonographischen Hintergrund mitgedacht hat, muß bezweifelt werden. Ob wir ihn mitdenken dürfen, kann offen bleiben. Eines ist jedenfalls evident: Boguslawski geht weiter auf Motive zu, seine Titel sind kaum einmal nachträgliche vage Poetisierungen, sondern haben einen konkreten Anhaltspunkt. Er sucht nun malerische Doppelcodierungen, schwebende Ambivalenzen, in denen die minimale Distanz lesbare Details und ornamentale Abstraktion zusammenführt.

Es lohnt nun, sich die Titel anzusehen. Copulatio spirituum (2001): Ausschnitte aus zwei Dahlienblüten, die das Format überschneiden. Herbstliches Gepränge, rot vernetzt und blau gekurvt, flutet gegeneinander. Die obere Blüte leicht konkav nach vorne gewölbt, die untere zu einem konvexen Trichter eingetieft. Für Betrachter mit viel Phantasie: ein männliches und ein weibliches Prinzip. Boguslawski wird immer lesbarer und verlangt Deutungen. Von Tupfengesprengel keine Spur! Noch komplizierter, fast schon ein Decodierungsfall: Buddhafrisur (2001). Wir erinnern uns mit einiger Mühe an die spiralig übersäten Frisurtürme mit zentralem sakralen Schädelauswuchs (ushisha) indischer, kambodschanischer, thailändischer Buddha-Skulpturen. Stecken in dem Bild heikles Thema gleich fünf Bodhisattvas, von oben gesehen, die Köpfe zusammen und neigen sich im Disput zur Mitte hin? Diese Bilder gewinnen deshalb keine östliche Spiritualität, doch ein Zug von exakter Vergegenwärtigung ist unverkennbar.

Zunächst treibt Boguslawski die Nahsicht jedoch vollends ins Extrem. Der Ausschnitt aus einem Muff, einem Kokon, einem Flokati-Teppich wird zum Anlass für schiere Malerei. Mit feinem Pinsel ziselierte Haarstrudel tendieren auf den ersten Blick zur Monochromie, subtile farbige Untermalungen schimmern indes durch. Im "farbigen" Weiss der Flokati-Strähnen changieren Andeutungen von Blau, Rot und der Mischfarbe Violett. Nester, Gespinste, Wuschel zeichnen sich ab. Pelzige Oberflächen öffnen sich für Dunkelzonen und Reflexe. Das Licht sublimiert die flamboyanten Schwünge aufs penibelste. Fließendes Kurvenleben zieht sich in vielen Partikeln durch das Bild. Muff, Kokon, Flokati gewinnen tastbare Präsenz. Schwenkt Boguslawski damit noch deutlicher auf die Tradition von Stilleben ein? Konzentriert er sich nun auf Dinge, denen er möglichst dicht auf den Pelz rückt?

In jüngster Zeit tritt er dann wieder einen kleinen Schritt zurück. Gerade weit genug, um die Konturen einer Frucht oder eines Muffs zu überblicken. Gewiss bleibt auch diese Distanz imaginär, denn der Künstler arbeitet nicht nach dem Objekt. Je präziser die Details, desto intensiver die Vorstellung. Nichts ist Mimikry, nichts Kopie. Wenn Boguslawski vorher - aus Scheu vor dem weissen Grund? - das komplett bemalte Format vorzieht, so stellt er jetzt Aussenkonturen frei. Das Bild erhält, bei aller knappen Einpassung, einen Umriss vor einem Fond - und damit eine neue Lesbarkeit. Ein nächster Schritt vom ornamentalen overall zu Stilleben und stofflichem Charakter, ohne dass die alten Muster verloren gehen. Im Gegenteil, die Pole sind weiter gespannt. Die Spannung steigt.

Manfred Schneckenburger

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