Manfred Schneckenburger

HUGO BOGUSLAWSKI: MALERISCH REICH UND AUFS HAAR GENAU (2004)

Beginnt Boguslawski gefährlich nahe beim Lehrer? In seinen Unterwasserbildern erinnert kleinteilig strömendes Leben von Flora und Fauna an das mikrobische Fleckengewimmel Kuhnas. Doch der Zug ins fließend Bewegte und ein mimetischer Kern markieren von Anfang an den Abstand vom Lehrer. Letztlich waren Boguslawskis Bilder jederzeit gegenständlich lesbar - diesen Weg führt er jetzt weiter und baut ihn aus.

Er gewinnt seine eigene Sicht: eine extreme Nahsicht, die so eng an das Motiv heran rückt, dass es nur noch als Ausschnitt wahrnehmbar ist, als formatfüllender Exzerpt aus einem Haarschopf, einem Wollteppich... Die geringe Distanz lässt Haarstränge und -flechten oder einzelne Knotungen wie durch ein Vergrößerungsglas hervortreten. Das Auge tastet jedes Gekringel, jede Locke, jede Schleife nach und ergeht sich in der Fülle haarfeiner Verschlingungen, die sich überdimensional ringeln und kräuseln. Wer will, kann in dieser Nahsicht aus lesbaren Details und ornamentalem Eigensinn, aus haptischer Präsenz und kurviger Abstraktion sogar einen monumentalen Zug erkennen.

Doch es genügt nicht, vor allem die augendichte Nähe und den flächendeckenden Ausschnitt zu sehen. Das alles wird zum Anlass für eine ebenso reiche wie lebendige Malerei. Mit feinem Pinsel ziselierte Haarstrudel zeigen auf den ersten Blick kräftiges Rot oder ein tonig differenziertes Goldorange. Dazwischen schimmern jedoch blaue, rote oder grüne Farbpartikel durch, Lichter heben die flamboyante Zirkulation aufs Penibeiste hervor. Schattennester modulieren sanft. Ein blauer Teppich wird auf der einen Seite von hellen Reflexen überrieselt und versinkt auf der anderen in Nacht. Gewiss bleibt in diesen Bildern auch die knappste Distanz imaginär, denn der Maler arbeitet nach keinem Modell. Er malt nicht genau ab, sondern erfindet genau. Je präziser die Details, desto intensiver die Vorstellung.

Manfred Schneckenburger


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